Türkische Volksmusik

Die Volksmusik der Türkei ist so vielseitig wie das Land und ihre Menschen selbst. 
Volksmusik hat in der Türkei und besonders unter türkischstämmigen Migranten in Europa einen völlig anderen Stellenwert als deutsche Volksmusik bei Deutschen. Obwohl türkische Migranten seit über 50 Jahren in Deutschland leben, zahlreiche Deutsche in der Türkei ihren Urlaub verbringen und rd. 23.000 Deutsche ständig in der Türkei leben, ist den meisten Deutschen dieser Teil der Einwandererkultur unbekannt oder verschlossen geblieben.

In der Türkei wird Volksmusik von breiten Schichten der Bevölkerung gehört, am Konservatorium der Technischen Universität Istanbul gibt es sogar eine wissenschaftliche Abteilung für türkische Volksmusik. 
Anders als hierzulande kommt es in der Türkei ständig zu Verbindungen zwischen Volksmusik und Popmusik. Die Musik der Popdiva Sezen Aksu oder des international bekannten Tarkan geben davon Zeugnis. 
Auch der wichtigste türkische Vertreter in der Weltmusik, Mercan Dede, bedient sich volkstümlicher und spiritueller Musik.

Wie auch immer man zur türkischen Volksmusik stehen mag: ohne die Saz oder Bağlama geht in der türkischen Volksmusik gar nichts.

Auf der Bağlama spielen Sänger und Poeten, wie Muzaffer Gürenç.


Wenn Muzaffer Gürenç seine Saz in die Hand nimmt, wird er eins mit seinem Instrument. Er singt von Liebe und Leid, von Frieden und Freundschaft, er spielt Hochzeits- und Tanzlieder, Lieder über die Natur und Lieder vom Leben in der Migration. Auf der Bağlama spielt Muzaffer Gürenç ganz in der Tradition der Bardensänger seinen Protest gegen herrschende politische Verhältnisse und Ungerechtigkeiten, er erzählt Heldengeschichten von türkischen „Robin Hoods“ wie Hekimoğlu und Epen von Scheich Bedreddin und Köroğlu. 
Muzaffer Gürenç steht hier in der Tradition fortschrittlicher türkischer Volksmusiker.

Er folgt den Spuren seiner musikalischen Vorbilder Ruhi Su, Arif Sag und Zülfü Livaneli. Wenn Muzaffer Gürenç alevitische Lieder singt und spielt geht zugleich den Weg der im Jahre 1993 in Sivas ermordeten Musiker Hasret Gültekin, Nesimi Cimen und Muhlis Akarsu weiter.

Und immer wieder gern spielt und singt Muzaffer Gürenç die beliebten zentralanatolischen Liebeslieder Neşet Ertaş, Lieder von der Ägais-Küste, Zeybekler und Tanz- und Liebeslieder.

Muzaffer Gürenç singt die unvergesslich schönen Gedichte des islamischen Mystikers Yunus Emre, des Aufsässigen Pir Sultan Abdal, dem erblindeteten und doch sehenden Aşık Veysel und Nazim Hikmet. 


Mit den neueren volkstümlich-politischen Liedern bewahren Musiker wie Muzaffer Gürenç den Opfern politischer Morde, wie dem Journalisten Uğur Mumcu ein ehrendes Gedenken. 
Züflü Livaneli schreibt in einem Lied über den beim Brandanschlag von Sivas ermordeten Metin Altinok: „Leben ist unsere Aufgabe am Platz des Feuers“. In diesem Sinne umarmt auch Muzaffer Gürenç mit seiner Musik und seinen Liedern die Opfer des Brandanschlages islamistischer Fanatiker am 3. Juli 1993 in Sivas.

Muzaffer Gürenç bringt mit seinem Instrument, seinen Liedern und seiner Stimme seine Sehnsucht nach einer menschenwürdigeren Welt zum Ausdruck und teilt die damit verbundenen Hoffnungen in seinen Konzerten.

 

Monika Lent-Öztürk, Düsseldorf im September 2010.